89 Prozent haben die Werkzeuge. Die Frage ist nicht ob die Werkzeuge gut sind. Die Frage ist ob sie die richtigen Fragen stellen – bevor die Störung e
89 Prozent der europäischen Unternehmen nutzen digitale Werkzeuge für das Risikomanagement in der Lieferkette – so die Inverto Risk & Resilience Study 2026, für die mehr als 400 europäische Führungskräfte befragt wurden. Das klingt nach einer Branche die gut aufgestellt ist.
Der Haken: Die meisten dieser Werkzeuge kommen erst zum Einsatz wenn eine Störung bereits eingetreten ist.
Das ist kein Risikomanagement. Es ist digitales Schadensbegrenzen.
Der Unterschied ist fundamental. Ein Werkzeug das reagiert wenn etwas passiert ist, hilft dabei die Konsequenzen zu verstehen und zu dokumentieren. Es hilft nicht dabei zu erkennen was in drei Monaten passieren könnte – wenn bestimmte Lieferanten unter Druck geraten, wenn sich geopolitische Spannungen in einer bestimmten Region verschärfen, wenn Rohstoffpreise in eine Richtung driften die die eigene Kalkulation irgendwann kippt. Für dieses Erkennen braucht man ein System das vorausschaut, nicht eines das zurückblickt.
Was die Studie dabei besonders aufschlussreich macht, ist ein Satz des Managing Directors Patrick Lepperhoff: Das prägende Merkmal heute ist nicht die Schwere eines einzelnen Schocks, sondern die Tatsache dass mehrere Risiken gleichzeitig auftreten.
Das trifft den Kern des Problems präziser als jede Statistik. Klassisches Lieferketten-Risikomanagement ist auf Einzelschocks ausgelegt. Ein Lieferant fällt aus – Ersatzlieferant aktivieren. Ein Preis steigt – Hedge anpassen. Ein Engpass entsteht – Lager aufbauen. Diese Logik funktioniert wenn Risiken nacheinander und isoliert auftreten. Sie versagt wenn geopolitische Spannungen, Lieferengpässe, Kostendruck und regulatorische Anforderungen gleichzeitig in dieselbe Richtung drücken – weil dann kein einzelner Hebel die Gesamtsituation stabilisiert.
Was ein Frühwarnsystem in der Lieferkette heute können muss, ist deshalb nicht nur einzelne Risiken erkennen. Es muss Kombinationen erkennen. Welche Lieferanten sind gleichzeitig von denselben Rohstoffen, denselben Transportrouten oder denselben geopolitischen Konstellationen abhängig? Wo entstehen gerade Konzentrationsrisiken die auf dem Papier diversifiziert aussehen aber in der Realität auf dieselbe Quelle zurückgehen? Und ab welchem Punkt kippt die Kumulation mehrerer kleinerer Belastungen in eine existenzielle Bedrohung?
89 Prozent haben die Werkzeuge. Die Frage ist nicht ob die Werkzeuge gut sind. Die Frage ist ob sie die richtigen Fragen stellen – bevor die Störung eintritt.