Der erste Arbeitstag in vielen deutschen KMU läuft ungefähr so: Der neue Mitarbeiter kommt, bekommt einen Laptop, wird zu seinem Schreibtisch geführt,
Der erste Arbeitstag in vielen deutschen KMU läuft ungefähr so: Der neue Mitarbeiter kommt, bekommt einen Laptop, wird zu seinem Schreibtisch geführt, und dann schaut irgendwann jemand vorbei und sagt: „Wenn du Fragen hast, meld dich einfach." Damit ist das Onboarding abgeschlossen.
Das klingt übertrieben. Es ist es nicht.
Was in dieser ersten Phase fehlt, ist kein Zufall – es ist ein Systemversagen. Nicht weil niemand wollte, sondern weil niemand je definiert hat, was neue Mitarbeiter eigentlich brauchen, um wirklich anzukommen. Das Big Picture fehlt fast immer: Warum existiert dieses Unternehmen? Was will es erreichen? Welche Werte gelten, wenn es eng wird – nicht auf dem Hochglanzplakat, sondern im echten Alltag? Wer antwortet darauf? In den meisten Fällen: niemand, zumindest nicht strukturiert.
Dasselbe gilt für das Gefüge des Unternehmens. Wer ist wer? Wer entscheidet was, und auf welchem Weg? Mit wem wird der neue Kollege täglich zu tun haben, und wen sollte er besser früh als spät kennen? Ein Organigramm, das irgendwo auf einem Laufwerk liegt, ersetzt das nicht. Menschen brauchen keine Karte – sie brauchen eine Führung durch das Terrain.
Das fachliche Onboarding ist oft das einzige, das ansatzweise geplant wird, und selbst da meistens halbherzig. Wissen, das für den Job wirklich relevant wäre, sitzt in den Köpfen der erfahrensten Mitarbeiter und wird informal weitergegeben – oder eben nicht. Ein strukturierter Einarbeitungsplan, der erklärt, was in den ersten dreißig, sechzig, neunzig Tagen gelernt werden sollte, ist die Ausnahme, nicht der Standard.
Was fast nirgendwo existiert, ist eine einfache aber wirksame Maßnahme: ein Onboarding Buddy. Eine Person, die sich verbindlich darum kümmert, dass der Neue nicht im Ungewissen schwimmt, die Fragen beantwortet, die sich niemand traut zu stellen, und die frühzeitig merkt, wenn jemand verloren geht. Das kostet wenig. Die Abwesenheit davon kostet mehr – in Form von Fehlern, die aus Unwissen entstehen, in Form von Frustration, die sich still aufbaut, und nicht selten in Form einer Kündigung nach drei bis sechs Monaten.
Das Tragische: Viele Unternehmen kämpfen seit Jahren mit Fachkräftemangel, investieren erheblich in Recruiting, und lassen neue Mitarbeiter dann in einem Prozess landen, der sich anfühlt, als hätte den niemand vorbereitet. Der Eindruck, den ein Unternehmen in den ersten Wochen hinterlässt, ist nicht reversibel. Er prägt, wie jemand über diesen Arbeitgeber denkt, spricht und sich engagiert – oder eben nicht.
Onboarding ist kein HR-Thema. Es ist eine Führungsaufgabe. Und wer es nicht ernst nimmt, erklärt damit implizit, wie ernst er auch andere strukturelle Aufgaben nimmt.