Zum Inhalt springen
← Alle Artikel2 Min. Lesezeit

Die erste Entscheidung des Tages ist meistens die beste. Die hundertste ist meistens die schlechteste. Dazwischen liegt nicht Erfahrung. Dazwischen li

Die erste Entscheidung des Tages ist meistens die beste. Die hundertste ist meistens die schlechteste. Dazwischen liegt nicht Erfahrung. Dazwischen li
Die erste Entscheidung des Tages ist meistens die beste. Die hundertste ist meistens die schlechteste. Dazwischen liegt nicht Erfahrung. Dazwischen liegt Erschöpfung. Entscheidungsmüdigkeit ist real, messbar und betrifft jeden Geschäftsführer, der morgens scharf denkt und abends nur noch reagiert. Das Gehirn verbraucht für jede Entscheidung kognitive Energie – egal ob es um eine strategische Investition geht oder darum, welche Schriftgröße auf einer Präsentation richtig aussieht. Diese Energie ist endlich. Sie wird über den Tag verbraucht, nicht nachgefüllt, nur weil das nächste Problem wichtig ist. Das Tückische: Die Qualität der Entscheidung sinkt nicht plötzlich. Sie sinkt schleichend, unbemerkt von der Person, die sie trifft. Am Vormittag wird eine Lieferantenentscheidung sorgfältig abgewogen, Alternativen verglichen, Konsequenzen durchdacht. Am späten Nachmittag wird eine ähnlich wichtige Entscheidung in drei Minuten getroffen – nicht weil sie einfacher ist, sondern weil das Gehirn nach der fünfzigsten Entscheidung des Tages längst nach Abkürzungen sucht. Es greift zur naheliegendsten Option, zur Empfehlung, zum Status quo. Alles, was die Entscheidung schneller beendet. Das erklärt ein Muster, das viele Unternehmer an sich selbst kennen, ohne es einzuordnen: Am Ende eines vollen Tages werden überproportional viele schlechte Entscheidungen getroffen – nicht weil der Tag schwieriger war, sondern weil die Reserven aufgebraucht sind. Wichtige Gespräche werden auf den späten Nachmittag verschoben, weil tagsüber keine Zeit war, und genau dort am schlechtesten geführt. Verträge werden kurz vor Feierabend unterschrieben, weil man die Sache endlich vom Tisch haben will. Personalentscheidungen werden getroffen, weil man zu erschöpft ist, um die Frage noch eine Nacht zu überdenken. Die Konsequenz daraus ist nicht, weniger Entscheidungen zu treffen. Ein Unternehmen führt sich nicht durch Entscheidungsvermeidung. Die Konsequenz ist, die eigene Entscheidungskapazität wie eine begrenzte Ressource zu behandeln – weil sie genau das ist. Die wichtigsten Entscheidungen gehören an den Anfang des Tages, nicht ans Ende. Routineentscheidungen lassen sich delegieren oder durch klare Regeln im Voraus standardisieren, damit sie gar nicht erst als Entscheidung verbraucht werden müssen. Und manche Entscheidungen verdienen eine bewusste Pause – nicht aus Unentschlossenheit, sondern weil ein ausgeruhter Kopf am nächsten Morgen zuverlässiger urteilt als ein erschöpfter um achtzehn Uhr. Wer glaubt, immer gleich gut zu entscheiden, hat noch nie systematisch verglichen, wie seine Vormittags- mit seinen Abendentscheidungen abschneiden. Die meisten, die es tun, sind selbst überrascht von dem Unterschied.
← Alle Artikel