Ein Handwerkermeister, der selbst Rechnungen schreiben muss, weil die Bürokraft krank ist – das klingt nach einem harmlosen Einzelfall.
Ein Handwerkermeister, der selbst Rechnungen schreiben muss, weil die Bürokraft krank ist – das klingt nach einem harmlosen Einzelfall. Es ist aber das präziseste Bild für das, was in tausenden deutschen Handwerksbetrieben strukturell schiefläuft.
Nicht die Krankheit ist das Problem. Die Krankheit ist nur der Moment, in dem sichtbar wird, was vorher schon da war: ein Betrieb, der nicht ohne eine bestimmte Person funktioniert. Alles, was in dieser Person steckt – Wissen über Abrechnungsmodalitäten, Kundennummern, laufende Aufträge, die Art, wie Rechnungen formatiert und versendet werden – existiert in keinem System. Es existiert in einem Menschen. Und wenn dieser Mensch fehlt, fehlt es auch.
Der Meister, der jetzt vor seinem Laptop sitzt und nicht weiß, welche Mehrwertsteuer auf welche Leistung gehört, ob die Abschlagsrechnung schon verbucht war, wo die Kundendaten liegen und wie die Zahlungsbedingungen formuliert werden müssen, hat kein akutes Büroproblem. Er hat ein strukturelles Dokumentationsproblem, das ihm die Krankheit gerade auf den Tisch legt. Mit Recht.
Das führt fast zwangsläufig zu Fehlern. Eine falsche Mehrwertsteuer, eine vergessene Aufmaßposition, eine Rechnung, die nicht den GoBD-Anforderungen entspricht – jede dieser Kleinigkeiten kann Konsequenzen haben, die sich erst Monate später zeigen, wenn der Steuerberater oder das Finanzamt nachfragt. Und dann weiß der Meister nicht mehr genau, was er damals wie gemacht hat. Weil es kein System war. Es war Improvisation unter Zeitdruck.
Die Lösung ist nicht, dass der Meister Buchhaltung lernt. Die Lösung ist, dass die Abläufe so dokumentiert sind, dass er – oder jede andere Person mit halbwegs klarem Verstand – im Notfall einspringen kann. Was muss auf einer Rechnung stehen? Wie wird sie im System angelegt? Wo finde ich die Kundendaten? Was passiert nach dem Versand? Das sind keine Geheimnisse. Es sind Prozesse, die aufgeschrieben werden könnten – aber meistens nicht werden, weil es ja immer jemanden gab, der es wusste.
Bis der nicht mehr da ist.