Was alle verantworten verantwortet niemand. Was niemand verantwortet wird auch niemand schützen – weder im Alltag noch in der Krise.
Es gibt einen Satz der in vielen Unternehmen unausgesprochen über jedem Meeting schwebt: Eigentlich sind wir alle verantwortlich.
Das klingt nach Teamgeist. Es ist das Gegenteil.
Denn was alle verantworten verantwortet niemand. Nicht weil die Menschen nachlässig sind. Sondern weil kollektive Verantwortung ohne klare individuelle Zuordnung ein psychologisches Phänomen erzeugt das seit Jahrzehnten belegt ist: Je mehr Menschen formal zuständig sind desto weniger fühlt sich jeder Einzelne wirklich verantwortlich. Die Verantwortung diffundiert – sie verteilt sich so gleichmäßig auf so viele Schultern dass sie am Ende nirgendwo mehr spürbar ist.
Ich nenne das kollektive Unverantwortlichkeit. Nicht als Vorwurf. Als Strukturbeschreibung.
Sie zeigt sich in Meetings in denen niemand eine Entscheidung trifft weil alle beteiligt sind. In Qualitätsproblemen die jeder gesehen hat aber niemand gemeldet hat weil es ja auch der andere hätte melden können. In Risiken die dokumentiert sind aber keine Konsequenz haben weil die Verantwortung unklar ist. In Notfallplänen die existieren aber niemanden verpflichten weil sie keinen konkreten Namen tragen.
Das Gegenmittel ist nicht mehr Verantwortung. Es ist klarere Verantwortung. Eine Person. Ein Name. Eine Befugnis. Eine Konsequenz wenn nichts passiert.
Was alle verantworten verantwortet niemand. Was niemand verantwortet wird auch niemand schützen – weder im Alltag noch in der Krise.