Wer viel gereist ist, urteilt weniger. Nicht weil er netter geworden ist. Sondern weil er zu viele Versionen von "normal" gesehen hat um noch überzeug
Wer viel gereist ist, urteilt weniger. Nicht weil er netter geworden ist. Sondern weil er zu viele Versionen von "normal" gesehen hat um noch überzeugt zu sein, dass seine die einzige ist.
Das hat mich lange beschäftigt. Weil es so einfach klingt und trotzdem so selten wirklich verstanden wird.
In Indien bedeutet ein Kopfwippen von links nach rechts Zustimmung – nicht Ablehnung. Wer das nicht weiß, führt Gespräche in denen beide glauben sie hätten sich verstanden, und keiner hat denselben Inhalt gehört. Persönliche Fragen nach Gehalt, Familienstand und Alter sind dort keine Übergriffe – sie sind echtes Interesse. Wer sie als unangemessen abwehrt, wirkt kalt und distanziert, nicht höflich. Man isst mit der rechten Hand, und das ist keine Nachlässigkeit – es ist kulturelle Selbstverständlichkeit mit einer langen Geschichte.
In Bulgarien nickt man für Nein und schüttelt den Kopf für Ja. Wer das nicht weiß und glaubt ein Gespräch erfolgreich abgeschlossen zu haben, hat möglicherweise das genaue Gegenteil vereinbart. Es gibt kaum ein besseres Beispiel dafür, wie tief eine scheinbar universelle Konvention tatsächlich kulturell verankert ist.
In den USA ist "How are you?" keine Frage. Es ist eine Begrüßung. Wer antwortet, hat die Situation falsch eingeschätzt. Smalltalk ist dort keine oberflächliche Höflichkeit – er ist der eigentliche Inhalt des ersten Gesprächs. Wer direkt zum Punkt kommt, wirkt kalt. Beziehung kommt vor Geschäft, auch wenn das Gegenteil vermutet wird.
In Brasilien umarmt man Fremde zur Begrüßung als wären sie alte Freunde, weil Distanz als Kälte gilt. In Finnland hingegen ist Small Talk als unehrlich empfunden – wer etwas sagt, meint es. Wer nichts zu sagen hat, schweigt. Beides ist richtig. Beides ist normal. Nur eben nicht überall gleichzeitig.
Wer all das erlebt hat – nicht als Tourist der Fotos macht, sondern als jemand der wirklich hinschaut – hört irgendwann auf zu fragen: Warum machen die das so? Und fängt an zu fragen: Warum mache ich es eigentlich so?
Das ist der Moment in dem Reisen aufhört Urlaub zu sein und anfängt Bildung zu werden. Nicht im schulischen Sinne. Sondern: Die eigene Perspektive ist eine unter vielen. Nicht die schlechteste. Aber eben auch nicht die einzig mögliche.
Reisen lehrt keine Geographie. Es lehrt Offenheit. Und Offenheit ist vielleicht die nützlichste Eigenschaft die ein Mensch haben kann – nicht weil sie angenehm ist, sondern weil sie dazu zwingt Dinge zu sehen die man sonst übersieht.
Übrigens gilt das im Geschäftsleben genauso. Wer viele verschiedene Unternehmen, Branchen und Krisen gesehen hat, urteilt weniger schematisch und entscheidet kontextbezogener. Das schematische Denken ist der größte Feind guter Entscheidungen – im Reisen wie im Business.